Beim Fotografieren von Fotografien verdeutlicht Martin Blum einen grundlegenden Akt im Entschlüsselungsprozess von Bildern: er hinterfragt den sichtbaren Gegenstand nicht nur in Bezug auf seine Identität, sondern auch in Bezug auf seine Unabhängigkeit und Eingliederung von und in seinem Kontext.
Das Bild im Bild erinnert an einen in der Literatur häufig verwendeten narrativen Kunstgriff: die myse en abyme. Die Analogien zum literarischen Kunstgriff sind aber auch auf einer anderen Ebene zu suchen, nämlich auf derjenigen des Fiktionsgrades oder der Fiktionsfähigkeit. Fingiert denn die Fotografie, das realitätsnäheste Medium der Wiedergabe? Nein, sie fingiert nicht. Martin Blums Werke inszenieren vielmehr auf subtile Weise die Täuschung der visuellen Wahrnehmung. In seinen Fotografien sind nämlich nicht mögliche oder imaginäre Welten dargestellt, sondern fassbare und physisch existierende Realitäten. Die Fotografien des Künstlers führen in erster Linie ein Dasein als Modelle oder Entwürfe: es sind Konstruktionen, oder wie er sie selbst definiert, Installationen, die nur auf den zweiten Blick Gegenstand eines zweidimensionalen Bildes werden.
Das vollendete Werk, welches sich dem Betrachter darbietet, widerspiegelt einen wirklich existierenden Gegenstand und eine wirklich existierende Gestalt; es wird zu ihrem 'Doppelgänger', der jedoch fähig ist, eine eigene Selbständigkeit zu entwickeln. Der Betrachter ist sich dabei stets bewusst, dass die in der Fotografie abgebildete Realität tatsächlich existiert und dass das Bild, welches der Künstler ihm vorlegt oder besser gesagt gewährt, einzig die irreführenden und halluzinatorischen Seiten dieser Realität wiedergibt. Zergliederung, Schatten und Spiegelungen sind die klassischen Formen, durch die sich das Doppel offenbart und durch die es gleichzeitig die Fähigkeit entwickelt, sich von seinem Ursprung zu lösen. Damit ist eine tiefere und folglich interessantere Analyse möglich.
Wenn also das gestellte Problem zu Beginn auf der Wahrnehmungs- oder Entschlüsselungsebene zu liegen schien, so verschiebt es sich in Wirklichkeit alsbald auf eine Ebene, die wir als metaphysische bezeichnen könnten und die über die materielle Existenz des Gegenstandes hinausgeht. Der Prozess der Erforschung nach dem Wert und der Identität des Bildes beginnt für den Künstler bereits in der Vorbereitungsphase: bei der Suche nach der Gegenstand-Fotografie. Für die neuesten Arbeiten holte der Künstler diese Gegenstand-Fotografie, die wir als Ursprungsbild definieren könnten und die als Hauptakteur in der Schlussinszenierung auftreten wird, aus dem Internet. Das Netz stellt heutzutage einen unbegrenzten und idealen 'Fundus' dar, aus dem Bilder geschöpft werden können - Bilder, die an sich bereits Abbilder sind. Auch wenn diese in Wirklichkeit nur 'virtuell' sind, das heisst numerische Abfolgen, so besitzen sich dennoch die Fähigkeit, sich als reale und physische Gegenstände neu zu definieren, und zwar mit Hilfe eines Druckers. Anhand dieses "technologischen Materialisationsprozesses" oder nach dieser mediatischen Übersetzung werden sie zu physischen Gegenständen, die sich fotografieren lassen. Der erste von Blum unternommene künstlerische Akt ist daher derjenige der Auswahl - ein Prozess, der jeder kognitiven Handlung zu grunde liegt und daher wesentliches Element in einer künstlerischen Erforschung ist, die danach strebt, die Komplexität der Bildinterpretation zu thematisieren und zu brechen.
Beim Betrachter der Fotografien von Martin Blum bleibt jedoch von diesen ursprünglichen Sujets wenig hängen. Das einzig Sichere ist die Anwesenheit einer menschlichen Komponente, die anhand der Hautfarbe oder eines unbenützen Möbelstücks kenntlich gemacht wird. Diese Bilder sind bereits zu Schatten ihrer selbst geworden, fast zur blossen Widerspiegelung einer Intuition. Es kommt folglich nicht darauf an, ob der Künstler diese Gegenstände physisch oder digital zerreisst oder verzerrt, denn ihr Dasein können wir nicht anzweifeln. Es ist ihr Wesen das uns entgeht und uns dazu zwingt das Sehen als absoluter Akt in Frage zu stellen. Wichtig ist die Idee des Bildes, nicht seine Erscheinung. Diese ist aufgrund des ungenauen und subjektiven Sehakts unweigerlich unbeständig und immer anders.
Der Künstler ist sich dieses Widerspruchs im physiologischen Vorgang, welcher die Grundlage des Kunstgenusses darstellt, bewusst und kann daher nichts anderes tun, als diese Wahrheit formal zu vergegenständlichen und zu übersetzen. Die von Martin Blum gewählte Methode besteht darin, die Bilder in einen räumlichen und architektonischen Kontext zu stellen. Wie ein Schauspieler auf der Bühne werden die Gegenstände in der vollendeten Fotografie in das Innere eines Raumes eingefügt, der gedanklich dank der Macht der Abstraktion die Idee selbst des darin abspielenden fiktionalen Prozesses zum Ausdruck bringt. Auf dieser hypothetischen Bühne nackt vor den Betrachtern kann sich das Ursprungsbild nicht mehr verstecken: es ist in seiner nur unvollständigen Verständlichkeit ausgestellt. Die Überzeugung, dass es die Wirklichkeit mimetisch nachbilden kann, wird auf diese Weise abgelegt. Damit erklärt sich Martin Blums Ablehnung der Bezeichnung seiner Werke als trompe l'oeil: niemand wird getäuscht, es wird keine künstliche Wirklichkeit dargestellt, nichts ist unecht auf seinen Fotografien. Im Gegenteil, alles wird uns gnadenlos in seiner falschen Wirklichkeit dargeboten. So enthüllt sich das räumliche Bühnenbild, in dem die Gegenstände eingefügt sind, dem Betrachter in seiner genauen Stofflichkeit, die aus Spiegeln, Glas, Staub und Schatten besteht. Diese Elemente definieren und gliedern zwar den Raum, doch gleichzeitig machen sie ihn unbestimmt und surreal. Die optische und daher auch die visuelle Verzerrung ist nicht nur ein Faktor, der an den Betrachter und an seine Psyche gebunden ist, sondern er kommt auch in der Inszenierung, in der Manipulation von seiten des Künstlers vor. Martin Blums Spiel mit dem Raum als formbarer Stoff überschreitet schliesslich die ästhetische Grenze und bezieht den Ausstellungsraum mit ein. Die Fotografien werden nämlich nach einer bestimmten Strategie installiert und so in den Raum gestellt, dass dem Betrachter nur eine bruchstückhafte Ansicht dargeboten wird. Er kann daher nie alles in seiner Gesamtansicht wahrnehmen. Dies wäre eine idealistische, jedoch illusorische, Hoffnung.
Handelt es sich hier um ein einfaches intellektuelles Spiel? Nein, vielmehr geht es um ein ehrliches, an die Erforschung gebundenes Bedürfnis des Künstlers, sich selbst zu befragen in Bezug auf die Deutungs- und Verständnismöglichkeit, welche sich als folgerichtiger und notwendiger Akt des Sehens erweist. Was uns die Bilder von Martin Blum zeigen, ist die Täuschung der Kenntnis von dem, was wir sehen. Es ist eine schmerzhafte Feststellung, doch die Eindeutigkeit muss relativiert werden, vor allem in der Welt des Sichtbaren.
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