Günter Tuzina
27.11.1999 - 8.1.2000
Günter Tuzina, T,F , I , 1997/98, Acryl, Öl, Graphit und Signierkreide auf Leinwand, 80 x 60 cm Günter Tuzina, "Weissgrün" II, 1993/94, Acryl und Graphit auf Leinwand, 65 x 43 cm
Gesicherte Gefüge

In einem Diagramm von Michelangelo wird der Winkel als der Weg beschrieben, der vom Irrtum ausgeht und zur Wahrheit führt. Der andere Winkel ist der Weg, der von der Wahrheit ausgeht und zum Irrtum führt. Die Wahrheit ist danach ein vollkommenes Viereck, das nach jeder Seite sicher ruht. Und der Irrtum ist ein vollkommenes Viereck,das nach jeder Seite sicher in sich selbst ruht. Das sind Probleme und Ideen, mit denen sich auch Günter Tuzina bereits seit vielen Jahren in seiner Malerei beschäftigt. Schuf er lange Zeit vor allem grosse Wandmalereien mit diagonalen Linien, zeigt er jetzt kleine Formate, die horizontale und vertikale Strukturen zum Thema haben.

Nach wie vor ist das Viereck das grundlegende Ordnungsprinzip für den Gebrauch der Farben. In dem es um keinen konkreten Inhalt geht, ist der Maler um eine Standortbestimmung nach abstrakten Grundprinzipien bemüht. Die (Bild-) Erfahrung konstituiert sich aus der Farbe, ihrer Ausdehnung und der Fläche, die sie bedeckt. Jedes Bild erscheint als ein geschlossenes, gesichertes Gefüge in dem die Farbflächen dem System einer zeichnerischen Struktur folgen. Sie bilden Rechtecke, Teilungen und Winkelgefüge, harmonisieren durch ihr Nebeneinander, ihre Ergänzung und ihr gegensätzliches Miteinander. Stets überlagern mehrere Schichten einander, die Schritte auf dem Weg der Bildentstehung bleiben stets ablesbar.

Wo in Tuzinas früheren Bildern die Schräge das Dynamische und Beunruhigte repräsentierte, vermittelt die Horizontale jetzt ein Gefühl der Ruhe und des Statischen. In der formalen Strenge entfalten die Farben überraschende Leichtigkeit. Was Tuzina in seiner Malerei zu verwirklichen sucht, ist die Befreiung von allem Überflüssigen. Über zwanzig Jahre ist er in diese Reduzierung hineingewachsen. Und die stetige Heraus-forderung besteht darin, ob und wie Malerei auf dieser Grundlage sich auch in Zukunft weiterentwickeln lässt. (j.k.)

Kölner Stadtanzeiger, 8. Mai 1998

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