aus: Raimund Girke; "Texte 1960 - 1995" (Kunsthaus Zug)

Gedanken zu meinen Bildern

Erstmals veröffentlicht in: monochrome malerei (Kat.), Städtisches Museum Leverkusen, Schloss Morsbroich, Leverkusen 1960 (Gedanken zu meinen Bildern), bzw. in:

Integration 5 und 6, Zeitschrift für eine neue Konzeption der Kund und Kultur, Arnheim, April 1966 (weiss)

Raimund Girke, extremes Blau 1997, Öl auf Leinwand, 200 x 220 cm

 

 

Aufgabe der Buntheit, der Vielfarbigkeit, zugunsten der Einfarbigkeit bedeutet intensivere Bearbeitungsmöglichkeit der Farbe, die Beschränkung der Quantität hat eine Steigerung der Qualität zur Folge. An die Stelle vieler Farben, die miteinander um das Vorrecht kämpfen, tritt eine einzige Farbe als Herrscherin, sie kommt zu ihrem Recht, sie wird frei und kann ihre volle Intensität erlangen.
Zugunsten einer einzigen Farbe habe ich die Vielfarbigkeit verlassen, und ich habe - in logischer Folgerung - zugunsten der unbunten Farbigkeit des Schwarz-Weiss-Grau wiederum diese eine Buntfarbe aufgegeben. Schwarz-Weiss Grau ist die in hohem Masse noch unerschlossene Farbigkeit, voller Geheimnisse und Abenteuer.
Erst dann wird Schwarz-Weiss Grau Farbe (und bleibt nicht nur im graphischen Bereich), wenn ich das Schwarz in feinsten Abstufungen über unzählig viele Grauvariationen bis hin zum Weiss, der Farbe, die alles andere überstrahlt, treibe, wenn die Farbflache durch ständigen Wechsel im Hell-Dunkel in Bewegung gerät.
W e i s s - Kälte und Hitze zugleich - Verkörperung des Reinen, des Lichten und Hellen.
Schwarz und Grau haben eine dienende Funktion, ihre Aufgabe ist es, das Weiss in feine Schwingung zu versetzen, ihm mit Hilfe der Struktur uber die ganze Bildfläche hin eine kontinuierliche Bewegung zu vermitteln, es sensibel zu modulieren und als Träger des Weiss dieses zu seiner vollen Strahlkraft kommen zu lassen. Schwarz und Grau betonen als Gegenspieler das Weiss und steigern dessen Leuchten.
Komposition im herkömmlichen Sinne gibt es nicht mehr. Das ganze Bild ist ein einziges Strukturfeld, das wohl in einzelne Strukturbereiche gegliedert ist, in dem aber keine Formdominanten mehr auftreten. Die verschiedenen Strukturbereiche bestehen aus unzähligen, in Tonwert, Form und Grösse nahezu gleichwertigen, nur leicht variierten Strukturelementen, die der Farbfläche ein stilles, aber äusserst eindringliches Leben geben. Jedes noch so kleine Strukturelement hat als Teil des gesamten Strukturfeldes seine hnktion im Ganzen, ist aktiv und daher unentbehrlich. Unterschiedliche Richtungswerte der einzelnen Strukturbereiche heben sich hervor und werden wieder in der gegenseitigen Durchdringung und transparenten Über lagerung verdeckt.
Die Welt des Monochromen bietet innerhalb eng gesetzter Grenzen unaus schöpfbare Möglichkeiten ganz neuen Charakters. Die Farbe wird, beschränkt auf sich allein, aller Fesseln ledig, erhält eigenes Leben und offenbart sich nun in ihrer vollen Kraft.

 

 

weiss


weiss
weiss ist farbmaterie.
weiss enthält alle anderen farben, ist die komplexeste farbe.
weiss ist anfang und ende.
weiss ist die objektive farbe.
weiss ist reinheit und klarheit.
weiss ist lichte farbe, lichtfarbe.
weiss ist die farbe von grösster intensität und sensibilität; sie entwickelt ihre kraft allmählich bis zur höchsten steigerung, ebbt ab und steigt wieder an in einem kontinuierlichen rhythmus.
weiss erfährt durch trübung und aufhellung seine modifikation und wird in verschiedenen bereichen virtuell verändert: kraftfelder unterschiedlicher energie entstehen.
weiss ist leere.
weiss ist immaterialität.
weiss ist reine energie.

weiss ist ruhe.
weiss ist schweigen.
weiss ist verharren, gespanntes verharren.
weiss ist ruhig und gerät langsam erst in eine schwingende bewegung, in eine unfassbare weite bewegung ohne grenzen.
weiss dehnt sich von innen nach aussen und zieht sich wieder zusammen, flutet von einem kraftfeld anwachsend in das nächste über und wieder in das nächste bis es ins unermessliche fliesst und wächst und sich zu einer grossen an- und abschwellenden einheitlichen bewegung zusammenschliesst.
weiss ist: langsame, schnelle, ultraschnelle und über den ruhepunkt hinaus wieder langsam beginnende schwingung. kontraktion folgt auf extension.
weiss ist bewegung, jedoch keine tatsächliche, starre und gleichbleibende. aktive bewegung des auges erzeugt imaginäre bewegung des weiss. diese bewegung ist fluktuation des weiss.
weiss ist aktivität.
weiss ist erregung.

weiss ist raum, ist weissraum.
weiss ist unfixierbarer raum, ist unendlicher, grenzenloser raum.
weiss ist dimensionsloser raum.
weiss ist schwereloses, nie endendes schweben im weiten raum.
weissraum, artikuliert durch horizontale modifikationen, ruht, schwingt, dehnt sich aus und zieht sich zusammen, ist in unaufhörlicher veränderung begriffen, ist vitaler raum.
weissraum ist kontinuierlicher raum.

weiss fordert meditation.

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