FRANK GERRITZ - FABER CASTELL 9B ALS MÖGLICHKEIT

HARALD WELZER

Frank Gerritz, Between The Lines ‘The Fuse’ (2-teilig). 1999, Bleistift auf MDF- Platte, 120 x 60 cm
Frank Gerritz, Between The Lines ‘TwoThirds’. 1999, Bleistift auf MDF-Platte, 60 x 180 cm
Wenn es einen "Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist das oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein." (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften.)

Frank Gerritz ist Bildhauer, der hauptsächlich Zeichnungen macht - Konzeptzeichnungen, die die Strukturelemente seiner Skulpturen unablässig umfigurieren. Diese Strukturelemente sind, wie Gerritz es nennt, "Zentren", gußeiserne Quader, die zusammengesetzt meist Blöcke mit einer Kantenlänge von 20x20x20 cm und einem Gewicht von 60 Kilogramm ergeben. Konzeptzeichnung heißt bei Gerritz allerdings keineswegs, daß die konzipierten Skulpturen auch tatsächlich hergestellt werden, denn die Zeichnungen haben sich von ihrer ursprünglichen Funktion emanzipiert und dabei selbst etwas von den Eigenschaften der Skulpturen angenommen: Gerritz zeichnet mit weichem Bleistift, Faber Castell 9B, und trägt Graphitschicht um Graphitschicht auf das weiße Papier, das von extrem dichten, extrem schwarzen Flächen besetzt wird, die die Schwere und Massivität ihres Ausgangspunktes, die Idee der Skulptur, aufnehmen.

Aber Gerritz hebt nicht nur die Idee der Skulptur in seinen Zeichnungen auf, sondern transformiert diese nochmals, wenn er direkt auf die Wand zeichnet, wobei es ihm gelingt, bei aller formalen Strenge und geometrischen Schlichtheit, einen eigentümlichen Zwischenbereich zwischen Zeichnung und Skulptur, zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen Immaterialität und Schwere, heraus zuarbeiten. Den Auftakt einer bislang aus drei Arbeiten bestehenden Serie von Wandzeichnungen machte 1992 die "Column Drawings in der New Yorker Stark Gallery, mit der Gerritz eine der in den SoHo-Galerien so geläufigen weiß gestrichenen, gußeisernen Säulen in eine graphitglänzende Skulptur zurückverwandelte - eine so einfache wie kraftvolle Geste, die der Säule als Träger der Zeichnung ihre Reverenz als in mehrfacher Weise tragendes Element des Raumes erwies. Bei Wynn Kramarsky zeigte Gerritz zwei Jahre später dann eine Wandzeichnung im Format 180x60 cm, die als extrem verdichtete schwarze Fläche paradoxerweise die Begrenztheit der Hermetik der Wand aufzuheben schien, die ihren Träger bildete. Und im Kunstraum Neue Kunst in Hannover fertigte Gerritz im nächsten Jahr eine 20 cm hohe und 20 m langeWandzeichnung, die "Headline", die nicht nur als hinzugefügter Parameter den Raum völlig neu definierte, sondern überdies mit ihrem spektakulären Oberflächenspiel wie mit ihrer überraschenden Qualität als Raumplastik eine beeindruckende ästhetische Erfahrung hinterließ: Hier spürte man am deutlichsten, daß in der Bewegung vor oder innerhalb von Gerritz' Wandzeichnungen die klassischen Zuordnungen plötzlich unsicher zu werden beginnen - was aber nichts anderes ausdrückt als den Nachweis einer neuen Möglichkeit im Rahmen einer gegebenen Wirklichkeit.

Zur Erfindung eines neuen Möglichkeitsraumes trägt das von Gerritz ausschließlich verwendete Material, der Faber Castell 9B, übrigens auf verblüffende Weise bei denn der tiefschwarze lückenlose Auftrag des Graphits auf die Wand oder auf das Papier produziert überraschenderweise keine alles Licht verschluckenden schwarzen Löcher, sondern läßt die Oberfläche sich je nach dem Tageslicht in unterschiedlichen Schattierungen zeigen - bis dahin, daß diese mattschwarzen Zeichnungen sogar zu Spiegeln werden können oder die Wände merkwürdig dünnhäutig und transparent erscheinen.

Die massive Bleistihzeichnung, mit ungeheurer Kraftanstrengung, Dauer und Präzision Strich um Strich auf die Wand aufgetragen, transformiert Gerritz nun nochmals eine Stufe weiter, indem er MDF-Platten als Träger verwendet - ein völlig profanes Material, das aber unter seinem Graphitaufrag ganz unvermutete Qualitäten annimmt: Als dreidimensionale Träger scheinen sie mit der flächen deckenden Zeichnung auf ihrer Oberfläche geradezu zu verschmelzen - und plötzlich wird die Zeichnung zur Skulptur. Gerritz' Form- und Materialsprache, die sich aus der Skulptur entwickelt und sich dann über die Konzept- und Wandzeichnungen zu einem transistorischen Möglichkeitsraum zwischen Skulptur und Zeichnung emanzipiert hat, formuliert nun auf unerwartete Weise, nämlich mit dem Medium der Zeichnung, die Skulptur neu: Zugleich massiv und fragil, zugleich opak und durchlässig, zugleich tiefschwarz und schillernd verschmelzen die MDF-Arbeiten von Frank Gerritz Eigenschaften miteinander, die man gewöhnlich für völlig unvereinbar hält. Daß er in seinem gesamten Werk mit denselben zwei Grundformen, dem Rechteck und dem Quadrat, derselben Maß stäblichkeit und demselben Material, dem Faber 9B, auskommt, läßt seine Arbeit als ein permanentes Insistieren auf die unbegrenzten Möglichkeiten erscheinen, die in sehr einfachen Wirklichkeiten enthalten sind, wenn sie richtia genommen werden.

"Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeit weckt", sagt Musil, "und nichts wäre so verkehrt, wie das zu leugnen." Gerritz' Arbeiten belegen diesen Satz mit aller Klarheit, aber zugleich zeigen sie auch, wie vielschichtig, überraschend, neu und verblüffend schön eine Wirklichkeit aussehen kann, wenn "so ein Mensch kommt, dem eine wirkliche Sache nicht mehr bedeutet als eine gedachte. Er ist es, der den neuen Möglichkeiten erst ihren Sinn und ihre Bestimmung gibt, und er erweckt sie."

 

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