Der Stoff, aus dem die Bilder sind

zum Bildkonzept von Rolf Rose
vgl. Ausstellung 2001

Rolf Rose, Ohne Titel (2-teilig). 1998, Acryl, Pigment und Graphit auf Aluminium, 200 x 205 cm
Rolf Rose, Ohne Titel. 1991, Öl auf Leinwand, 200 x 245 cm
Ein Photo, das Rolf Rose vor einiger Zeit in seinem Atelier aufgenommen hat, zeigt an der Wand eine aus acht unregelmäßigen roten Rechtecken kombinierte Arbeit. Am Boden ist ein vielteiliges Werk aus schwarz bemalten stereometrischen Quadraten und Rechtecken ausgebreitet, und im Hintergrund öffnet sich der Raum zu einem Durchgang- quadratisch und schwarz.

Mit der achtteiligen Arbeit aus roten Farbblöcken bezieht sich Rose auf ein Gemälde von Kasimir Malewitsch, das 1915 für seine manifesthafte "Letzte Futuristische Ausstellung 0,10" in Petrograd entstand.2 Mit dieser Reverenz vor dem Begründer der radikalen Malerei legt Rose eine der Wurzeln frei, aus denen sich seine eigene Kunst nährt. Kasimir Malewitsch wandte sich in seiner Malerei und seinen theoretischen Äußerungen entschieden gegen alle Illusion. Er sprach Farbe und Form von ihrer traditionellen Aufgabe los, über Gegenstände zu berichten, und definierte Kunst als die Fähigkeit, eine Konstruktion zu schaffen, die einzig auf der Wechselbeziehung von Form und Farbe gründet. Allein deren Gewicht, Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung zähle, proklamierte er in seinem zur Ausstellung »0,10« entstandenen Manifest.3 Malewitsch nannte seine geometrischen Farbflächen »lebendige Formen«, und er plazierte sie auf dem weißen (raumlosen und gleichzeitig unendlich tiefen) Hintergrund so, daß sie schwerelos und schwebend und damit grundsätzlich veränderbar erscheinen.

Am Ende des Jahrhunderts der Abstraktion bezieht sich mit Rolf Rose ein Maler auf Malewitsch, dessen pragmatische Einstellung denkbar weit entfernt ist von Malewitschs utopischer Idee einer »suprematistischen« Kunst, in der allein das innere Erleben des Künstlers die Anordnung der Formen bestimme. Sah Malewitsch im suprematistischen Bild des Schwarzen Quadrates die absolute Äußerung einer neuen Freiheit, die Brücke zum Einklang mit dem Kosmischen, so setzt Rose die rechtwinkligen Formen - Quadrat und Rechteck - als dingliche Farbträger ein.

Während der letzten Jahre entwickelte Rose seine Gemälde immer mehr zu plastischen Körpern, zu Dingen. Bereits in den auf Segeltuch gemalten Bildern erhält der Bildträger durch Falten und Ösen ein Relief. Die monochromen Gemälde beziehen ihre Lebendigkeit aus der bewegten Oberfläche der mit einem Rakel durchkämmten Farbpaste. Seit Ende 1995 arbeitet Rose auf bis zu 15 Zentimeter tiefen Holzmodulen, die er von einem Tischler fertigen läßt. Die dem Betrachter zugewandten äußeren Boden flächen dieser Holzkisten werden mit Farbe oft in mehreren Lagen beschichtet. An den Seitenkanten liegen diese Schichtungen offen, hier lassen sich die einzelnen Farblagen ablesen. Ist der erste Eindruck vor seinen Gemälden der einer opaken monochromen Fläche, so überrascht es, an den Rändern zu sehen, daß leuchtend farbige Schichten darunter liegen können.

Die monochromen Farbmodule suggerieren keine Räumlichkeit und Plastizität sie sind räumlich und plastisch. Sie stellen Licht nicht dar, sondern reagieren direkt auf das Licht - sie kommunizieren mit dem Licht. Durch minimale Variationen belebt Rose die monochromen Flächen. Ein beispielhaftes Werk ist das sechsteilige Polyptychon von 1995 . Die Acrylfarbe wurde mit drei unterschiedlich feinen Spachteln auf die quadratischen Holzmodule aufgetragen. Jeweils zwei Module weisen die gleiche Struktur auf und werden durch Drehung um 90° voneinander unterschieden.

Vor dem Betrachter breitet sich so eine strenge Folge von Quadraten aus, die den systematischen Umgang mit der Oberfläche des Materials "Farbe" festhalten.

Rose sucht in seiner Malerei den gradweisen Unterschied. Die statische Form des Quadrats wird durch die lebendige Spur des Spachtels bewegt. Gewicht, Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung von Form und Farbe spielen sich innerhalb eines äußerst reduzierten Spektrums ab, doch entstehen durch die Gestaltung der Oberfläche, durch die mit der Hand gezogenen Spuren des Spachtels sechs voneinander deutlich unterschiedene Oberflächen, sechs Individuen, sechs lebendige Formen.

Mit Roses Farbkörpern erfüllt sich gewissermaßen Kasimir Malewitschs Vision einer anti-illusionären Malerei: "Jetzt muß man den Körper formen und ihm lebendige Gestalt im realen Leben geben. Das wird dann der Fall sein, wenn die Formen aus den malerischen Massen heraustreten, also genauso entstehen, wie die utilitären Formen entstanden sind. Diese Formen werden keine Wiederholung von lebendigen Dingen im Leben, sondern selbst lebendige Dinge sein. Die bemalte Fläche ist eine lebendige reale Form."4 Waren Malewitschs »lebendige Formen« immer noch Abbild, zwar gegenstands los, doch in ihrem Volumen und ihrer Beweglichkeit illusionär, so bilden bei Roses Werken das Abbild und der Gegenstand eine Einheit. Seine Holzmodule vermitteln nicht den Eindruck, in der Fläche zu schweben, sondern es sind veritable Körper, deren Farbe, Plastizität und Tiefe greifbare Tatsache ist. Und so ist das große schwarze Quadrat auf dem Atelierphoto auch keine Brücke in eine andere Welt, sondern der Eingang zu einem reich gefüllten Bilderlager.

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An der Hamburger Kunsthalle wird Rolf Roses Schaffen seit langem mit großem Interesse verfolgt. Bereits 1978 wurde das erste Gemälde für die Sammlung erworben. Helmut R. Leppien zeigte 1986 in der Reihe "Standpunkte" einen Überblick über Roses Werk. »Sie spielen nicht, sondern sie bestehen, sie erzählen nicht, sondern sie sind, sie regen nicht an, sondern sie behaupten«, schrieb Leppien in seiner Einleitung zum Katalog.5 Durch den Ankauf der großen Arbeit Flügel (Amerika) zwei Jahre später und weitere Erwerbungen entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine ganze Werkgruppe, aus der die Konsequenz und Bandbreite von Roses Schaffen nachvollziehbar wird. Ein Höhepunkt ist das sechsteilige Polyptychon, das Siegfried Loch als Dauer leihgabe für die Hamburger Kunsthalle erworben hat.

Im Rahmen des ERSTEN UMBAUS in der Galerie der Gegenwart zeigen wir eine konzentrierte Auswahl von Werken Rolf Roses. Gerade das Oberlicht im dritten Stock werk des Neubaus bietet ideale Bedingungen für seine monochromen Gemälde; es er weckt das Material der Farbe zum Leben.

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1 Kasimir Malewitsch: Vom Kubismus und Futurismus zum Suprematismus. Der neue Realismus in der Malerei, Moskau 1916, in: Chagall, Kandinsky, Malewitsch und die russische Avantgarde, (Ausst.-Kat.), Hamburger Kunsthalle, 1998, S. 267.

2 Das Gemälde Suprematismus mit acht roten Rechtecken) 1915, 57,5 x 48,5 cm berfindet sich im Stedelijk Museum, Amster dam .

3 Kasimir Malewitsch, a. a. O., S. 262.

4 Kasimir Malewitsch, a. a. O., S. 267.

5 Standpunkte.Rolf Rose, (Ausst.Kat.),Hamburger Kunsthalle, 1986, S. 5.

 

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