Die Gesichter zweier Strassen

Zur Ausstellung in der Galerie Brandstetter & Wyss

Von Simon Maurer

Ein Engländer ist nach Zürich gekommen, um die Langstrasse mit der Hirzenbachstrasse in Schwamendingen zu vergleichen. Seine Ausstellung führt die Strassen zusammen
Stephen Willats "Blind Date With Reality, Series One"
(9-teilig), 1998, Detail, Mischtechnik auf Karton, je 59 x 38 cm
Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Sie während eines wichtigen Gesprächs ständig auf irgendein völlig unwichtiges Detail wie das Design einer Kaffeetasse starren? Als ob die Kaffeetasse viel wichtiger wäre als das Gespräch? Macht man das, um sich nicht mit dem Inhalt des Gesprächs konfrontieren zu müssen? Offensichtlich folgt unsere Wahrnehmung komplizierten, von undurchsichtigen Mächten gesteuerten Mechanismen. So kann es sein, dass sich das Design der Kaffeetasse unserem Gedächtnis ebenso einprägt wie der Inhalt des Gesprächs. Und warum schaut man, wenn man durch die Strasse geht, an irgendeiner Strassenlampe hoch?

Blind Date» mit der Realität

Es ist diese Parallelität von un vereinbaren Eindrücken, die Stephen Willats interessiert. Der 1943 geborene Londoner Künstler war in den 70er Jahren einer der ersten Künstler, der sich auf eine soziologische Weise fur die Lebensformen von anonymen, «unsichtbaren» Menschen interessierte. Er interviewte die Mieter von Vorstadtblockwohnungen und befragte sie nach ihren Gewohnheiten und ihren Träumen. So entstanden einprägsame Porträts in Wort und Bild, die dem Publikum ohne Wertung präsentiert wurden. Sein Zürcher Projekt nennt Willats gewitzt «Blind Date with Reality». Acht Leute hat er gebeten, die Langstrasse und die Schwamendinger Hirzenbachstrasse ab zugehen, sich auf ein Thema zu konzentrieren, und die eigenen Eindrücke in einem bestimmten Medium festzuhalten. Ein Teilnehmer, mit einer Super-8-Kamera ausgerüstet, widmete seine Aufmerksamkeit den Dingen, die die Leute mit sich herumtragen. Ein anderer richtete sein Augenmerk auf die Oberfläche der Häuserfassaden. Und ein Dritter, mit Bleistift und Notizblock bewehrt, war schlicht mit der Aufgabe betraut, die «Atmosphäre» einzufangen.

«Unbewusste» Wahrnehmung

Aus der Fülle des Materials, das Willats von seinen Wahrnehmungsprobanden bekommen hat, wählte er einzelne Standbilder, Toncollagen, Zeichnungen oder Textstellen aus. Indem er die Eindrücke von der Langstrasse und der Hirzenbachstrasse einander gegenüberstellte, fügte er die aus gewählten Wahrnehmungsfragmente zu einem «multi-channel wall mosaic». Und was kommt dabei raus? Von wenigen Ausnahmen abgesehen, erkennen eingeborene Zürcher blindlings, welcher der bei den Strassen die Bilder zuzuordnen sind - auch wenn es sich nicht um klischierte Bilder handelt. Die beiden Strassen scheinen sich so weit voneinander entfernt zu haben, dass es, wo man auch immer hinschaut, sofort klar ist: das ist Langstrasse, das die Hirzenbachstrasse. Merkwürdigkeiten gibt es gleichwohl: Eine anarchistische Flagge, Zierde eines Balkons, hängt nicht im wilden Kreis 5, sondern an der Hirzenbachstrasse. Und das «Crazy World»- Schaufenster ist gleichfalls in Schwamendingen zu Hause.

Vielschichtige Wertung

In diesem bipolaren Wirklichkeitsmemory geht jede Besucherin und jeder Besucher einen eigenen Weg. Gedanken macht man sich dabei nicht nur über die Differenzen und Gemeinsamkeiten innerhalb einer modernen Stadt, sondern auch über die «unbewusste» Vielschichtigkeit der Wahrnehmung, aus der sich Wertungcn erst ergcben.

 

Simon Maurer

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